Finanzierung und Wagniskapital

Gründer setzen auf Bootstrapping

11/09/2023
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Wie das Handelsblatt berichtet, wird der Bootstrapping-Trend als Reaktion auf die Zurückhaltung von Risikokapitalgebern gewertet. Die Zahl der Seed-Runden, bei denen Startups Risikokapital von Investoren erhalten, ist im ersten Halbjahr im Vergleich zu den sechs Monaten davor um 6 Prozent gesunken. Trotzdem stieg die Zahl der Unternehmensgründungen im gleichen Zeitraum um mehr als 16 Prozent. Einige bekannte deutsche Startups wie Celonis, Workwise und Signavio sowie internationale Erfolgsgeschichten wie Gymshark aus Großbritannien haben Bootstrapping erfolgreich eingesetzt. Diese Unternehmen haben erst Jahre nach ihrer Gründung externe Finanzierungsrunden durchgeführt und Investoren gewonnen. Es scheint: Gründer setzen auf Bootstrapping.

Was ist Bootstrapping?  Zum Artikel von Startup Insider.

Der Deutsche Startup Monitor 2023 berichtet von ähnlichen Zahlen. Das allgemeine Investmentklima ist hier von 45,9% der befragten Gründer als schlecht eingestuft worden. Zudem hätten in Berlin 34,2% der befragten Startups ihre Runde verschoben und das Wachstum nach unten korrigiert. Auch seien die Finanzierungsrunden insgesamt kleiner als im Vorjahr. Mit 43,1% bilden die Finanzierungsrunden unter 500.000 den größten Anteil ab. Lediglich 8,7% der befragten Startups hat eine Finanzierung von über eine Million Euro erhalten.

 

Staatliche Förderung bevorzugtes Kapital für Gründer

Dennoch wollen mehr als zwei Drittel der befragen Startups ihre Wachstumsvorhaben mit externem Kapital umsetzen. Die relative Mehrheit (41,3%) plant mit Finanzierungen unter 500.000€. Staatliche Förderung ist dabei für die Hälfte der Gründer:innen die bevorzugte Kapitalquelle. VCs rangieren hingegen auf Platz 3 und werden nach Business Angels von 34,8% der Befragten als bevorzugte Geldquelle genannt. Im Jahr 2022 war eine VC-Finanzierung hingegen für 44,4% der Startups das bevorzugte Mittel. Als Gründe für den Attraktivitätsverlust der VCs gibt der Startup Monitor höhere Anforderungen an die Startups und eine generelle Zurückhaltung seitens der VCs an. 

Diese Zurückhaltung bemerken auch die Gründerinnen und Gründer selbst. Obwohl sie das Startup-Geschäftsklima weiterhin optimistisch einschätzen, bewerten 45,9% dennoch die Investmentbereitschaft von Business Angels und VCs als schlecht. 38,1% gehen trotzdem davon aus, dass sich die Investmentbereitschaft im laufe der Zeit verbessern wird. 

 

Eine Frage der Gründer-Gesamtsituation

Sowohl der Startup Monitor als auch das Handelsblatt kommen zu der Einschätzung, dass die gesamtwirtschaftliche Situation einen Einfluss auf die Spendierfreude von Investoren hat. Für Startups entscheide sich die Fragen, ob VC-Geld eingesammelt werden soll, aber oft an anderer Stelle. Das Handelsblatt nennt als gute Gründe für eine VC-Finanzierung die Möglichkeit, bei einem starken Wettbewerb schnell reagieren und Eintrittsbarrieren für die Konkurrenz schaffen zu können. Zudem seien Netwerkeffekte nutzbar. Zu einem ähnliches Ergebnis kommt der Startup Monitor: Hier wird der Zuwachs an Reputation von 65,2% der Gründer:innen genannt, um Geld von Corporate VCs zu beanspruchen. Die Reputation von VCs schaffe Vertrauen und könne die Marktpostionierung der Startups stärken. Als weitere Gründe werden der Zugang zu Branchen-Know-How und Kooperationsmöglichkeiten genannt.

Doch das ist nicht alles. Im Fokus einer externen Finanzierung steht neben der Schnelligkeit auch das private finanzielle Risiko der Gründer:innen. Ob ein Unternehmen Bootstrapping kann, ist davon abhängig, wie gut die Gründer:innen selbst finanziell aufgestellt sind. Lebenshaltungskosten, Gehälter, Mieten und sonstige Ausgaben können erst dann von einem Startup finanziert werden, wenn dieses profitabel ist. Und bis dahin ist es ein weiter Weg, den wenige Gründungsteams mit eigenem Kapital gehen können oder wollen. Auf der anderen Seite begeben sich die Gründer mit einer externen Finanzierungs in eine Abhängigkeit. Beim Bootstrapping sind Gründungsteams externen Geldgebern keine Rechenschaft schuldig. Ebenso sind keine Beteiligungen oder Geschäftsanteile fällig.

 

Tipp: Eine Abwägung über die Finanzierungsmmöglichkeit “Beteilungskapital (VC und Business Angels)”  von gruenderplattform.de

 

Einmal Bootstrapping - Immer Bootstrapping?

War das Bootstrapping erfolgreich, sind diese Unternehmen nach Einschätzungen des Handelsblattes dennoch sehr begehrt für VCs. Startups, die es ohne externes Kapital schaffen, wird eine höhere Kostendisziplin und ein stabiles Wachstum unterstellt. Für Investoren scheint zu gelten: Wer es mit wenig Geld weit geschafft hat, muss etwas drauf und eine gute Idee haben. Zudem kämen bei eventuellen Übernahmen neben dem Gründungsteam keine weiteren Verhandlungspartner an den Tisch. Ob sich das Risiko für Gründerinnen und Gründer langfristig lohnt, steht auf einem anderen Blatt. Hier fehlen aktuell leider Daten, in welchen Situationen Gründerteams nach einer Phase des Bootstrappings auf VCs zugehen.

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